Mein Jakobsweg – Das Fazit

Mein Jakobsweg – Das Fazit

Ich bin jetzt seit ein paar Wochen zurück vom Camino wieder zu Hause und natürlich auch schon wieder im Alltag angekommen. Die Reise auf dem Jakobsweg hat aber immer noch Wirkung auf mich.

Ich bin einfach insgesamt gelassener und lasse mich nicht stressen. Wenn du auf dem Weg bist und die Dinge, die du zum Leben auf dem Rücken dabei hast, merkst du erst, wie wenig nötig ist. Ich glaube, daher kommt meine neue Gelassenheit. Es lohnt sich nicht über Dinge aufzuregen, die du sowieso nicht ändern kannst. Nimm hin, was passiert und versuche damit umzugehen.

Auf dem Weg habe ich viele unterschiedliche Menschen kennengelernt und jeder war in seiner Weise einzigartig wunderbar und hat mich viel gelehrt. Keiner von uns hatte ein zuviel an Materiellem dabei und doch war jeder unglaublich großzügig. Als ich keine Sonnencreme hatte, wurde mir sofort welche angeboten, genauso war es mit Pflastern und Kortisoncreme gegen meinen Mückenstich. Aber noch mehr hatten alle Menschen emotional zu geben. Wenn es mir mal wieder ganz schwer fiel, die Etappe zu schaffen, haben mich alle angefeuert und am Ende des Tages in mein Gesicht gestrahlt: “Du hast es geschafft!” Das werde ich nie vergessen, es war großartig.

Auch die körperliche Anstrengung hat ihre Spuren hinterlassen: Meine Füße sehen jetzt, nach einigen Wochen, endlich wieder normal aus. Die von den Blasen hinterlassene, überschüssige Haut ist verschwunden und die fehlende Haut von der Blase unter dem Fuß ist nachgewachsen. Während ich auf dem Jakobsweg unterwegs war, hatte ich große Probleme. Es begann mit Muskelkater und schmerzender Hüfte. Als dies vorbei war, bekam ich Blasen, die sich bis zum letzten Tag immer wieder erneuerten. Dann bekam ich Knieschmerzen, gefolgt von meiner Achillessehne, die anschwoll und schmerzte und zum Schluss waren meine gut eingelaufenen Wanderschuhe so abgelaufen, dass mir die Fußsohlen schmerzten, da die Füße nicht mehr ausreichend gedämpft wurden.
Aber ich habe auch positive Erfahrungen gemacht. So konnte ich wunderbar schlafen, wenn ich mich bewegt hatte. Ich war meist schon gegen halb 10 Uhr morgens rund 12 km gelaufen, was mir unheimlich gut tat und sich positiv auf mein Essverhalten und meine Verdauung ausgewirkt hat. Ich habe insgesamt nicht so viel abends gegessen, sondern mehr tagsüber. Generell hatte ich das Gefühl, dass weniger Essen mich leichter laufen lässt. Eine Erkenntnis, die ich gerne in meinen Alltag übernehmen möchte. Leider gelingt es mir nicht immer. Denn wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme, bin ich oft so hungrig, dass ich schnell mal zuviel esse. Eine Siesta am frühen Nachmittag, wie ich sie auf dem Jakobsweg hatte, würde mir wahrscheinlich helfen. Vielleicht sollte ich meinen Chef mal darauf ansprechen ?.

Bevor ich mich auf den Weg begab, hatte ich einige Fragen im Kopf.

Werde ich alleine sein?

Diese Frage hatte sich direkt nach 1 Stunde geklärt, als ich an einer Ampel in Léon stand und mitbekam, dass die zwei Mädels neben mir Deutsch sprachen. So lernte ich Sandra und Julia kennen. Generell wirst du jeden Tag auf dem Jakobsweg neue Leute kennenlernen. Selbst ich, obwohl ich normalerweise nicht sonderlich kontaktfreudig bin, habe direkt Anschluss gefunden. Du kannst den ganzen Tag für dich alleine sein, wenn du willst. Oder du gehst den Weg mit jemandem gemeinsam. Alles ist möglich.

Wie komme ich ohne Spanisch zurecht?

Obwohl die Spanier, ähnlich wie die Franzosen wenig Englisch sprechen, so ist man dennoch auf die Pilger eingestellt und versteht sie auch in der Regel. Zur Not mit Händen und Füßen. Außerdem sind meist noch andere Pilger in der Nähe, die eventuell Spanisch sprechen und dein Englisch übersetzen können. Obwohl ich mit vielen Deutschen auf dem Weg war, haben wir die meiste Zeit Englisch gesprochen, damit wir uns alle untereinander verstehen und sich keiner ausgeschlossen fühlte.

Wieviel Geld werde ich benötigen?

In den drei Wochen, die ich auf dem Weg war, habe ich drei Mal je 200 EUR mit meiner Kreditkarte vom Automaten gezogen und davon ein wenig Geld mit nach Hause gebracht, obwohl ich ein paar Souvenirs gekauft hatte. Mit den Flügen zusammen habe ich insgesamt ungefähr 900 EUR ausgegeben, was einem Tagesbudget von etwas mehr als 40 EUR mit Flügen und knapp unter 30 EUR ohne Flüge ausmacht. An den meisten Tagen haben wir zusammen gekocht und somit die Kosten sehr gering gehalten. Der günstigste Tag schlug mit 6,40 EUR zu Buche, als ich für das Bett in der Herberge 5 EUR bezahlte und das Essen für jeden 1,40 EUR bedeutete. Und der Wein war auch schon mit dabei! In Santiago dann kostete ein Tag deutlich mehr: Das Bett 16,50 EUR, ein Bier und ein Essen mit Dessert rund 30 EUR, also insgesamt circa 46,50 EUR.

Wie schläft man in einem Raum voller fremder Menschen?

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass das meine größte Sorge war. Wenn ich müde und erschöpft bin, meine Ruhe brauche, mit so vielen fremden Menschen einen Schlafraum zu teilen. Nachts im Schlafanzug auf die Toilette zu gehen, die Geräusche und die Gerüche der anderen… Ich habe es mir viel schlimmer vorgestellt, als es tatsächlich war. An den permanenten Geruch nach Fuß gewöhnst du dich sowieso und wenn du Ohrstöpsel dabei hast, machen dir die Geräusche auch nicht viel aus. Dass das Bett wackelt, wenn derjenige über oder unter dir sich umdreht, merkst du auch nur dann und wann, denn du wirst abends müde sein. So hatte ich mich schon nach zwei Nächten daran gewöhnt, mit mehren Leuten in einem Raum zu schlafen. Eine Alternative stellen Hostels oder Hotels dar, die aber auch oft Mehrbett-Zimmer haben, das Geld kannst du dir getrost sparen. Und ganz ehrlich: im Nachhinein gesehen, macht es auch den Charme des Jakobsweges aus.

Welche Etappen soll ich gehen?

Diese Frage wurde mir schon am ersten Tag mehr oder weniger abgenommen, denn ich hatte ein paar sehr nette Menschen kennengelernt, die mich nach schmerzhaften Tagen wieder aufbauten. Also bin ich die gleichen Etappen wie sie gegangen. Das klappte an manchen Tagen besser und an manchen Tagen war es hart. Denn es bedeutete, über die eigenen Kräfte hinauszugehen. Aber die Gesellschaft am Abend und das gemeinsame Kochen haben mich immer wieder entschädigt. Im Prinzip sind wir die Etappen gegangen, die im Reiseführer angedacht waren. Lediglich an der einen oder anderen Stelle, haben wir schon einen Ort früher aufgehört oder sind einen Ort weitergegangen.

Wie werde ich als Veganer auf dem Weg zurechtkommen?

“Was kann man denn als Veganer noch essen?” Diese Frage bekomme ich hin und wieder gestellt. Dass ich sie mir mal selbst stellen würde, hätte ich nicht gedacht. Das vegane Angebot auf dem Camino lässt leider zu wünschen übrig. Wenn du deine Etappen allerdings um die vegetarischen Herbergen planst, wirst du wahrscheinlich mehr Glück haben. Für mich gab es öfter Salat und Pommes, als mir lieb war. Aber ich hatte auch viele, ganz leckere Mahlzeiten. Vor allem am Anfang des Weges gab es fast in jeder Herberge eine gut ausgestattete Küche, sodass ich mich mit einigen Pilgern zusammen getan habe und wir etwas leckeres, fleischfreies gekocht haben. Dank Lara, die Vegetarierin ist, kochten sie sowieso schon vegetarisch und schraubten für mich dann nochmal ein bisschen zurück, sodass wir unsere Gerichte auf den kleinsten, gemeinsamen Nenner abstimmten. Es gab unter anderem Paella mit Gemüse, Pasta Puttanesca, Salat mit Kichererbsen, Bratkartoffeln mit Salat und dazu immer ein Glas Rotwein. Oft gönnten wir uns eine Tafel Schokolade dazu, die wir zu sechst oder acht teilten ?.

Mein Frühstück bestand meist aus Baguette, Obst und ein paar gesalzenen Nüssen. Später klemmte ich dann auch gerne mal eine paar Stückchen Schokolade zwischen ein Baguette oder beschmierte es mit Avocado oder belegte es mit Tomatenscheiben. Zwischendurch gab es bei mir Haferflockenkekse, die ich am ersten Tag in einem Supermarkt gefunden hatte und die glücklicherweise vegan waren. Ein paar Stückchen Schokolade waren darin und dadurch schmeckten Sie lecker und sättigten durch die Haferflocken ordentlich. Du siehst schon: Verhungern wirst du als veganer Pilger nicht. Ich habe von manch einem Veganer gehört, der auf dem Weg zum Vegetarier wurde, weil es zu schwierig war, auf sämtliche Tierprodukte zu verzichten. Das wäre nichts für mich gewesen, denn ich kam auch ohne Tierprodukte zurecht. Lediglich beim Wein habe ich meine persönliche Ausnahme gemacht und nicht geprüft, ob dieser vegan ist.

Was nehme ich mit und werde ich Dinge vermissen?

Da ich schon ein bischen Wandererfahrung hatte und auch schon eine Standard-Packliste im Kopf, war die Entscheidung, welche Dinge ich auf den Jakobsweg mitnehmen werde, relativ einfach. In diesem Beitrag, den ich vor der Reise geschrieben und vor kurzem korrigiert habe, siehst du, was ich dabei hatte und auch, was ich wieder mitnehmen würde. Ich bin froh, auch mein MacBook mit dabei gehabt zu haben, um meine Erlebnisse zu bloggen. Natürlich, ein Notizbuch hätte es auch getan. Aber du siehst allein daran, wie lange es gebraucht hat, bis ich dieses Fazit geschrieben habe, dass mir im Alltag die Zeit fehlt, soviel Schreiberei nachzuholen. Die Arbeit und der Rezeptteil des Blogs füllen meine Freizeit gut aus. Von daher war es gut, dich fast live auf dem Laufenden zu halten. Außerdem war es auch meine Verbindung nach Hause und an einem Abend in Finisterra habe ich einen Video-Abend mit Dosenbier und Mikrowellenpopcorn einlegen können, was mir sehr gut getan hat.

Wird der Camino mich verändern?

Bis einen Tag vor Santiago war ich der festen Überzeugung, dass es eben doch nur eine Wanderung ist. Klar, man kann immer viel in Dinge hinein interpretieren und einen Sinn finden. Dafür braucht man den Jakobsweg nicht. So oder so ähnlich waren meine Worte an Katy, die mit mir wanderte. Ich hatte die Befürchtung, dass ich in Santiago de Compostela ankommen werde und nichts fühle. Die Befürchtung stellte sich glücklicherweise als unbegründet heraus. Denn als Katy und ich vor der Kathedrale standen, umarmten wir uns und ich war sehr gerührt. Auch die Messe, die wir kurze Zeit später besuchten, hat mich sehr bewegt und zum einen oder anderen Tränchen geführt. Ich weinte vor Erschöpfung, Erleichterung, Überforderung von der Masse an Menschen, der Lautstärke und Rührung über den Gesang des Chores.
Erst in der Woche, die ich in Finisterra verbrachte, kam ich zur Ruhe, die Schmerzen verschwanden und ich hatte den Kopf frei, um über die Erlebnisse nachzudenken. Und dann hatte mich der Weg. In meinem Kopf tummelten sich die schönsten Erinnerungen und ich erkannte, wieviel ich gelernt hatte. Zum einen im Zusammenleben mit anderen, aber auch über mich selbst. Sowohl über meine Schwächen, als auch meine Stärken. Auf dem Weg zum Flughafen am letzten Tag, formulierte ich Sätze in meinem Kopf, die ich für dieses Fazit verwenden wollte. Mir kamen wieder die Tränen, vor Rührung. Die Sätze habe ich natürlich bis heute vergessen, was aber bleibt ist ein Gefühl. Ein Gefühl, dass ich am letzen Abend am Strand fühlte. Wir waren zu knapp 30 Leuten an einen Strand in Finisterra gegangen um zu Essen, zu Trinken und beim Lagerfeuer zu sitzen. Einen Moment lang war ich etwas abseits der Gruppe und genoss die Welt um mich herum. Vor mir das tobende Meer, hinter mir die schroffen Felsen, unter mir der feine Sand und das Ganze zugedeckt von einer Decke aus Sternen. Solch einen Sternenhimmel hatte ich vorher noch nicht gesehen. Ich fühlte mich so behütet in diesem Augenblick. Soweit weg von zu Hause, allein, am “Ende der Welt” und doch fürchtete ich nichts. (Oh Mann, mir kommen beim Schreiben schon wieder die Tränen. Das hat der Jakobsweg auch aus mir gemacht: eine Heulsuse. Das kannte ich vorher nicht).
Die wichtigste Lehre, die ich aus meinem Jakobsweg-Abenteuer ziehe ist diese:

 
“Was passieren wird, wird passieren. Du musst nur schauen, wie du damit umgehst und was du daraus machst.”
 
 

Werde ich es wieder tun?

Auf jeden Fall! Ob es aber ein Jakobsweg oder eine andere Strecke sein wird, weiß ich noch nicht genau. Ich werde auf jeden Fall wieder die Wanderschuhe schnüren, meinen Rucksack aufsetzen und mich auf einen längeren Weg machen. Ein großer Traum sind und bleiben der PCT – Pacific Crest Trail und der Appalachian Trail in den USA, die ich gerne mal bewandern möchte. Ob ich das in diesem Leben noch in die Tat umsetzen werde oder ob es beim Traum bleibt, werde ich sehen. Aber auch den Jakobsweg möchte ich nochmal gehen. Nicht in naher Zukunft, sondern eher in Richtung Rente vielleicht? Denn ich habe längst nicht alles gesehen und möchte ein paar Dinge nachholen, die ich dieses Mal verpasst habe.

Was werde ich beim nächsten Mal anders machen?

Der Weg war gut so, wie er war. Punkt. Daran möchte ich nicht rütteln. Er hat mich Dinge gelehrt und dazu beigetragen, wie so viele andere Dinge, die ich bisher in meinem Leben erlebt habe (ja, auch die blöden Dinge!) mich zu dem Menschen zu machen, der ich heute bin. Dennoch würde ich beim nächsten Mal auf ein paar Dinge besser achten. Dazu gehören zum Beispiel ein besseres Schuhwerk, damit ich nicht so arge Schmerzen habe. Oder einen Rucksack, der angenehmer zu tragen ist. Da ich diesen Weg mit dir auf meinem Blog geteilt habe, würde ich bei meiner nächsten Wanderung wahrscheinlich mein MacBook nicht mitnehmen (Da bin ich mir ganz ehrlich gesagt aber nicht 100%ig sicher, da ich es, bis auf die zusätzlichen 1,3 kg, sehr genossen habe). Ich würde das nächste Mal vielleicht ein bisschen mehr planen, sodass ich meine Etappen auf die vegetarischen Herbergen ausrichte, an denen ich dieses Mal vorbeigekommen bin, aber keine Nacht verbrachte. Da würde ich beim nächsten Mal auch stärker auf mein Gefühl hören und in meinem Tempo laufen. Das ist es eigentlich auch schon. Ansonsten bin ich mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe sehr zufrieden.

Ich kann jedem empfehlen, einmal solch eine Reise zu machen. Und zwar allein. Die Erfahrungen, die du sammelst, die Menschen, denen du begegnest und das Kennenlernen deiner selbst wird dich dein Leben lang begleiten und wahrscheinlich auch verändern oder zumindest beeinflussen. Ich bin froh, mich dafür entschieden zu haben und freue mich schon auf meinen nächsten Trip mit mir.

Alles Liebe

13 Kommentare

  1. Sonntag, der 25. März 2018 / 12:43

    Hallo Rina,
    dein Bericht finde ich klasse, vor allem deine Beschreibung wie schnell man sich an eine “einfachere” Lebensweise gewöhnen kann. Schon faszinierend, dass nach wenigen Tagen Übernachtungen in Gemeinschaftsräumen zur Gewohnheit werden können.
    Toll, dass du auf eine vegane Ernährung achten konntest und es so viele Möglichkeiten gibt. Als ich auf dem Camino unterwegs war, gab es das Pilgermenue an jeder Ecke, und wenn ich fleischlos essen wollte wurden mehr Pommes auf den Teller gelegt…
    WAs mich interessieren würde: Was vom Camino ist für dich heute noch in deinem Alltag präsent?
    p.s.: Falls du wirklich dein MacBook das nächste mal mitnehmen möchtest: Tablet mit Tastatur wiegt weniger, hab ich das letzte mal dabei gehabt.

    liebe Grüße und buen Camino
    Peter

    • Rina
      Autor
      Sonntag, der 25. März 2018 / 13:40

      Lieber Peter,
      egal wohin, ich reise immer noch mit ganz wenig Gepäck. Das begleitet mich weiterhin und meine „Angst“, die ich mit dem Stein am Cruz de Ferro abgelegt habe, ist auch dort geblieben.
      Ein Tablet müsste ich mir erst kaufen und darauf kann ich mein Bildbearbeitungsprogramm nicht nutzen. Daher nehme ich lieber weiterhin das MacBook mit. Dieser Gedanke kam mir nämlich auch schon.
      Liebe Grüße und Buen Camino
      Rina

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