Der GR 221 – Von Sant Elm nach Ses Fontanelles

Der GR 221 – Von Sant Elm nach Ses Fontanelles

Ich wache früh auf und spiele daher eine ganze Zeit lang am Handy rum, denn Frühstück gibt es erst um Acht. Das Frühstücksbuffet ist reichhaltig, für mich bleiben Müsli mit Obst oder Brot mit Margarine, Tomaten und Gurke. Ich schmiere mir noch zwei Brötchen für heute Mittag und dann checke ich aus und beginne meine Tour heute.

Der Minimarkt, in dem ich mir noch etwas für das Abendessen kaufen will, ist äußerst Mini. Ich finde weder Hummus noch Guacamole oder irgendwas anderes, das zu meinem Brötchen passt. Dennoch hole ich mir ein Brötchen und eine kleine Dose Oliven. Vielleicht finde ich unterwegs noch eine Möglichkeit an etwas zum Brötchen zu bekommen. Ansonsten werde ich nicht verhungern, denn ich habe noch Kekse und genügend Obst.

Ich gehe durch die Straßen von Sant Elm und bald aus dem Ort heraus. Es ist schwül und ich schwitze schon nach wenigen Minuten.

Plötzlich kommt Camino Feeling auf: Ich alleine morgens früh mit nichts als Vogelgezwitscher und dem Klang meiner Schritte auf dem steinigen Boden. Und sofort fällt mir das Lied wieder ein, dass ich mit Sam, Lara, Jonas, Sandra und einigen anderen auf dem Camino gedichtet habe. El Camino heißt es. Ich muss lachen während ich die Melodie summe.

In den nächsten 30 Minuten mache ich ordentlich Höhenmeter. Es geht immer nur rauf, rauf, rauf. Steil, steiler, am steilsten. Mir läuft der Schweiß und ich keuche ganz, ganz fürchterlich. Belohnt werde ich mit einem atemberaubenden Blick auf Sa Dragonera.

Während ich Fotos mache, beschlägt meine Brille. Meine Touch ID am iPhone funktioniert nicht mehr, da mein Hände zu schwitzig sind.

Besonders bemerkenswert finde ich, dass ich bisher nicht einen Fetzen Müll gesehen haben. Super!

Und jetzt wird geklettert! Ich frage mich, ob dies der richtige Weg ist. Aber es ist die einzige Möglichkeit vorwärts zu kommen. Mit Händen und Füßen kraxle ich die bis zu drei Meter hohen Felsen hinauf. Dabei gibt es oft nur eine Spalte als Trittmöglichkeit. Hinter mir geht es direkt die Klippe hinunter. Ein falscher Schritt oder zu weit nach hinten gelehnt und das war’s. Erstaunlicherweise kann ich mit der Höhe aber besser umgehen, als ich im Nachhinein erwartet habe. Die „In‘s kalte Wasser werfen“-Taktik ist manchmal gar nicht so verkehrt.

Als ich oben angekommen bin, mache ich eine Bananenpause. Ein Pärchen aus Österreich nutzt die Steine hier ebenfalls als Rastmöglichkeit.

Weiter geht es und zwar wieder bergauf. Bin ich nicht mal langsam oben? Der Weg führt ein kleines Stück bergab und plötzlich muss ich über einen Zaun. Um mich herum summt und brummt es in den hohen Wiesen und ich entdecke das erste Schild des Weges.

Und danach geht es… Rate mal! Jap, weiter steil bergauf. Ich bleibe oft stehen, um zu Luft zu kommen. Funknetz habe ich keins mehr. Die Gräser ragen weit über mich hinaus und die Halme kitzeln an meinem Unterarmen. Dazwischen blüht der Ginster. Ich komme von der letzten Pause nur gut einem Kilometer weit, als ich beschließe, mir die wunden Fußsohlen zu tapen. Es ist ganz still hier oben. Man hört nur in der Ferne das Meer rauschen und das Knistern der Gräser im Wind.

Meine Beine werden immer schwerer, da hüpft ein Läufer leichtfüßig an mir vorbei… Respekt! Und wieder frage ich mich: “Bin ich nicht mal langsam oben??“ Bin ich dann nach ein paar Minuten tatsächlich. Der jetzt noch steinigere Weg fordert ein Höchstmaß an Konzentration. Also immer schön die Beine hochheben damit man nicht stolpert!

Plötzlich ziehen Wolken über den Berg. Was für ein Anblick! In der Ferne sehe ich einige Wanderer, die mir entgegenkommen. Ich vermute, dass ich an der Stelle der Tramuntana bin, wo die Wolken über den Berg krochen und die ich vom Flugzeug aus gesehen habe.

Als ich an der Gruppe vorbeigehe, es sind Tagesausflügler, frage ich mich, ob sie wohl den steinigen Weg und die steilen Felsen herab klettern? Ich würde das nie packen! Und bei der Truppe waren auch ein paar ältere Leute dabei. Ich vermute also, dass es noch einen anderen Weg gibt.

Plötzlich knicke ich um und komme fast zu Fall. Ich kann mich aber gerade noch halten und glücklicherweise habe ich knöchelhohe Stiefel, sodass meinen Bändern nichts passiert. Immer wieder bleibe ich stehen, es ist so unfassbar still hier. Herrlich! Es wird windiger und kühler. Nach 2 1/2 Stunden habe ich die Hälfte geschafft.

Ich kremple die Arme herunter, denn es wird noch kälter. So kitzeln auch die Grashalme nicht mehr so an den Unterarmen. Ich biege ab und der Weg wird wieder etwas breiter. Auf der rechten Seite ist eine alte, verlassene Hütte, die ich mir anschaue, obwohl sie in der falschen Richtung liegt. Danach gehe ich auf den Weg und es geht weiter.

Ich bin umringt von Bergen und mache erstmal ein 360° Foto für Facebook. Schon irre, was man heutzutage alles teilen kann. Vor allem für Leute, die solche Dinge nicht erleben können, freut es mich, wenn sie „dabei“ sein können.

Ich nehme mir vor, noch ein knappes Stündchen zu gehen und will dann Mittagspause machen. Plötzlich frage ich mich, ob meine Unterkunft tatsächlich auch am Weg liegt oder etwas davon abweicht. Gerade habe ich wieder Internet, dann sollte das mal schnell mal prüfen. Nicht, dass ich zu weit laufe heute. Nope, der Weg führt genau daran vorbei. Perfekt!

Als der Weg wieder etwas breiter und weniger steinig wird, fang ich an vor mich hin zu brabbeln. Ja, ich hab noch alle Tassen im Schrank. Wander mal eine lange Zeit lang geradeaus. Ich sage dir: die Gedanken werden lauter. Vor allem Lieder und Werbe-Jingles.

Nach einer Dreiviertelstunde sind es zwar nur noch etwa 2 km bis zum Ziel, ich mache aber trotzdem eine Pause, denn hier gibt es Picknickplätze, die mich einladen.
Gerade habe ich noch gedacht, dass ich gar nicht so kaputt bin. Als ich mich hinsetzte und doch merke, was ich heute getan habe. Ich ziehe die Schuhe aus und genieße meine Brötchen. Britt wird eh erst gegen Vier an der Finca sein, also kann ich mir Zeit lassen.

Zwei Franzosen fragen mich nach dem Weg. Mit einer Karte ist der Weg tatsächlich nicht immer so einfach zu erkennen. Mit meinem GPS Track klappt es ganz wunderbar. Bisher habe ich mich noch nicht verlaufen.

Nach nur 15 Minuten Pause sind meine Füße trocken und als ich von der Pause aufbreche und weitergehe, gelingt es mir ziemlich gut. Ich muss an den Camino denken und wie schwer es mir gefallen ist, nach jeder Pause wieder aufzustehen. Ich hatte solche Muskelschmerzen, die ich hier überhaupt nicht habe. Vielleicht habe ich mich mittlerweile echt an das Wandern gewöhnt?! Dann fällt mir aber ein, dass ich auf dem Camino durchschnittlich die doppelte Strecke wie heute gemacht habe.

Es war gut, dass ich Pause gemacht habe, denn das restliche Stück entlang der Straße zieht sich etwas. Aber es zeigt ein tolles Bergland.

Der eigentliche Weg (zumindest laut Track) wurde vom Eigentümer gesperrt und der Eingang zur Finca ist noch gut 400 m weiter die Straße entlang. Vier Spanier wissen nicht weiter und fragen mich nach dem Weg, aber folgen tun sie mir nicht. Nun denn. (Etwa eine 3/4 Stunde später laufen sie dann doch an mir vorbei, während ich oberhalb der Finca warte.)

Es ist nicht mal 14 Uhr, ich habe also noch reichlich Zeit. Ein paar Quadfahrer machen hier gerade Pause und beschallen die Idylle mit dem Handy. Ich würde mich gerne bequemer hinsetzen, sie sind mir aber zu laut. Etwas Abseits finde ich einen Garten. Davor ist ein Tor, an das ich mich lehne. Hier ist es deutlich ruhiger. Nur ein Dutzend Frösche quaken um die Wette.

“Was möchtest du?”, fragt mich ein Mann, der zu mir kommt. Ich sage: “Ich habe hier ein Zimmer gemietet.“ „Check in ist erst um 17 Uhr.“ „Ich weiß, ich habe meinen Laptop dabei, ich vertreibe mir die Zeit schon!“ „Das geht aber nicht hier. Wir haben hier Zimmer vermietet [ach was!] und deshalb sagen wir euch, dass ihr erst um 17 Uhr kommen sollt. Für den Weg braucht man vier Stunden. Sonst sitzt ihr hier rum und das stört die Gäste“ Ich bin geneigt, mich umzudrehen und nach dem zweiten Teil von „euch“ zu suchen, lasse es aber, da ich weiß, dass ich alleine bin. „Ich habe fünf Stunden hierher gebraucht und bin jetzt nun mal hier.“ “Später losgehen!“, sagt er nur knapp. “Komm doch später wieder!” Ich sehe ihn ungläubig an: „Wo soll ich denn hin??? Hier ist doch nix…“ „Die Finca ist groß“, sind seine letzten Worte, während ich an den lachenden Quadfahrern vorbei dem GR 221 folge, um mich etwas oberhalb der Finca an einen umgestürzten Baum zu setzen.
Ich bin verärgert. So hatte ich mir meinen Aufenthalt an diesem schönen Ort nicht vorgestellt.

Die nächsten drei Stunden verbringe ich an dem Baumstamm und schreibe diese Zeilen. Außerdem bearbeite ich die Fotos, sodass ich morgen, wenn ich wieder Netz habe, den Beitrag nur zusammensetzen muss.

Es wird frisch und ich ziehe meine Fleecejacke an. Ein paar Kekse versüßen mir die Arbeit.
In den nächsten drei Stunden geht keiner an mir vorbei, mit Ausnahme der Spanier. Mich wundert, dass die Franzosen gar nicht an mir vorbeigehen. Sei wollten nach Estellencs heute. Ob sie sich verlaufen haben? Während ich alle 15 Minuten meine Sitzposition ändere, um eingeschlafenen Pobaken und schmerzenden Rücken abzuwechseln, fällt mir auf, dass ich heute noch nicht einmal pinkeln war. Sobald ich eingecheckt habe, hole ich mir eine von den 2-Liter Wasserflaschen und versuche, sie heute noch zu leeren.

Punkt 17 Uhr schelle ich am Rezeptionshäuschen und mir kommt Britt entgegen, die viel freundlicher ist. Sie zeigt mir den Schlafsaal und ich bezahle die Nacht. Komischerweise sind alle unteren Betten schon belegt. Da haben wohl doch ein paar Leute eher eingecheckt… Als erstes sehne ich mich nach einer heißen Dusche. Die drei Stunden auf und vor dem Baumstamm in durchgeschwitzten Klamotten haben mich frösteln lassen. Die Dusche wechselt von richtig heiß zu kalt im 10-Sekunden-Takt, aber das ist mir egal. Das Wäschewaschen lasse ich heute ausfallen, denn sie würden ohnehin nicht mehr trocknen. Ich setze mich nach draußen, wo vier Engländer Canasta spielen. Die Atmosphäre ist hier doch anders, als auf dem Camino. Eine Frau, die mit ihrer Tochter unterwegs ist, spricht ein wenig mit mir, oder vielleicht auch nur vor sich hin. Aber sie wirkt sehr nett. Die Engländer mustern mich nur. Ein weiterer Herr spricht mich direkt an, ob ich allein unterwegs sei und zollt mir Respekt.

Ich faulenze ein wenig im Garten herum und mache ein paar Fotos von den Blumen und den Enten die hier rumlaufen. In einiger Entfernung hören wir immer wieder das Klingen der Glocken, die um die Hälser der Schafe hängen, die munter den Berg auf und ab springen. Wenn ich nur so leicht den Berg auf und ab springen könnte!

Gegen Abend esse ich mir mein trockenes Brötchen und dazu die Oliven. Als einer der Engländer Wein und Bier holen geht, frage ich ihn, ob es Wein nur in großen Flaschen gäbe, er bestätigt meine Vermutung. Und keine 5 Minuten später habe ich ein Glas Wein auf dem Tisch stehen. „Enjoy“, sind seine Worte. Was für eine nette Geste! Später kommt eine der Engländerinnen sogar nochmal zu mir und fragt, ob ich nochmal nachgeschenkt haben möchte. Ich lehne dankend ab, denn ich will ja morgen wieder munter weiter.

Und dann kommt der Mann von heute Mittag auf mich zu und fragt, ob alles okay sei. Er erklärt mir, dass er mich nicht verärgern wollte, aber sich viele Gäste beschweren, wenn im Laufe des Tages immer mehr Wanderer vor den Apartments stehen und sich laut unterhalten. Er habe meinen Blog gelesen und sei fasziniert gewesen, wie detailliert ich meine Tour geplant habe. Viele fliegen wohl erst nach Mallorca und informieren sich dann über den Weg. Seine jetzt nette Art versöhnt mich und ich genieße den Rest des Abends mit den Weintrauben, die ich jetzt dringend essen muss denn eine war schon schimmlig.

Gegen 19:30 Uhr fange ich an, draußen dermaßen zu frieren, dass ich mich kurz darauf in den Schlafraum begebe. Da es noch sehr früh ist und ich daher morgen auch super früh wach sein werde, packe ich schon jetzt meinen Rucksack (möchte morgen keinen wecken und mich draußen fertig machen), bevor ich mich in meine Ski-Unterwäsche und in Richtung meines Schlafsacks begebe. Oh ja, schon die Skiunterwäsche wärmt mich auf. Obwohl ich es nicht schlimm finde, dass ich hier kein Netz habe, vermisse ich das abendliche Netflix gucken schon ein bisschen. Nach dem Zähneputzen, schnappe ich mir noch ein Klecks Fußcreme und krabble dann hoch in mein Bett, was mit nur einer Hand, weil die andere voller Creme ist, gar nicht mal so einfach ist. Oben angekommen, schlüpfe ich in meinen Schlafsack und spiele noch ein wenig am Handy. Die Wärme macht mich gleich müde. Ich mache mir ein Hörbuch an und schlafe recht früh ein.

Das war’s für heute.

Alles Liebe

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